30 Vertreter aus dem Bereich Forschung und Innovation lassen die Reihe der Zukunftswerkstätten im Weltkulturerbe Völklinger Hütte mit vielen kreativen Ideen ausklingen.
Am 4. Juli 1954 gewann das deutsche Nationalteam in Bern das Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft. Der unterlegene Finalist hieß Ungarn. Rein theoretisch hätten statt der haushoch favorisierten Magyaren auch Saarländer als Gegner auf dem Rasen des Wankdorf-Stadions auflaufen können. Denn das jüngste der alten Bundesländer war damals noch französisches Protektorat mit eigener Staatsbürgerschaft und einer richtigen Nationalmannschaft. Die allerdings schied bereits in der Qualifikationsrunde aus. Daran konnte auch ihr junger Trainer Helmut Schön nichts ändern.
Der Status als eigenständige (Fußball-)Nation von Frankreichs Gnaden gehört ebenso zur illustren Vergangenheit des Saarlandes wie die große Zeit von Kohle und Stahl. Die Gegenwart sieht anders aus. Der einst so selbstbewusste Industriestandort, Herzstück der so genannten Montanunion und damit zugleich Wegbereiter der europäischen Einigung, fristet in der bundesdeutschen Wahrnehmung nur mehr ein Schattendasein. Viele Saarländer reagieren mit Trotz. „Mir sinn von do unn bleiwe do“, sagen sie in der ihnen eigenen Mundart. Jetzt erst recht!
Einrichten im „gemütliche Elend“ nannten das Teilnehmer der jüngsten Zukunftswerkstatt im Ideenlaboratorium des Weltkulturerbes Völklinger Hütte. Eingeladen hatte Generaldirektor Meinrad Maria Grewenig diesmal Vertreter aus dem Bereich Forschung und Innovation: Mitglieder des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) sowie Studierende, Doktoranden und Dozenten der Universität des Saarlandes. Sogar der Präsident der Universität hatte sich für dieses Ereignis frei genommen und brachte sich engagiert in die Diskussion ein.
Die Aufgabenstellung war dieselbe wie schon bei den vorhergehenden Zukunftswerkstätten. Es galt, Denkanstöße für die Zukunft des Saarlandes zu entwickeln. Dabei ging der Baseler Moderator Daniel Wiener wie gewohnt sehr systematisch vor. Den Beginn des Tages markierte eine ausführliche Kritikphase, die den Saarländern unter anderem eine zu passive und unbewegliche Haltung attestierte. „Ein Saarländer außerhalb des Saarlandes: Wann trifft man das schon mal an?“, hieß es etwa in einer der Arbeitsgruppen.
Die anschließende Phantasiephase stand ganz im Zeichen ungebremster Utopien. Einzige methodische Bedingung war, dass es keine Bedingungen gab. Derart befreit von allen Sachzwängen brummte das Ideenlaboratorium in der ehemaligen Erzhalle des Völklinger Industriedenkmals förmlich vor Betriebsamkeit. Immer wieder ging es dabei um Bildungsaspekte – kein Wunder angesichts des beruflichen Hintergrundes der Diskutanten. Aber auch die Grenzlage des Saarlandes und die Frage nach seiner staatsrechtlichen Neupositionierung als Region mit europäischem Sonderstatus nahm eine zunehmend zentrale Stellung ein.
Dass die schließlich vorgestellten Entwürfe die Realität deutlich hinter sich ließen, war ausdrücklich erwünscht. Wer verändern will, braucht Visionen. Die modellhafte Umsetzung dieser Zukunftsszenarien war – zumindest ansatzweise – Gegenstand des letzten Teils der Zukunftswerkstatt. Es ging darum, eine mögliche erste Etappe auf dem Weg zum Ziel zu skizzieren.
Die Ergebnisse waren vielfältig und hatten den Charme des Unkonventionellen. So kristallisierte sich in ersten Umrissen eine „Akademie Sarreoise“ heraus, deren Bezeichnung bewusst eine Mischung aus Deutsch und Französisch darstellt, um ihre grenzüberschreitende Zuständigkeit deutlich zu machen. Das Gremium ist als eine Art Bildungsrat gedacht, der die Ziele des saarländischen Bildungssystems festlegt und entsprechende Maßnahmen vorschlägt. Er soll sich nicht nur aus Angehörigen der verschiedenen Bildungseinrichtungen zusammensetzen, sondern auch Delegierte aus Wirtschaft, Politik und Kultur aufnehmen sowie Vertretern der Nachbarländer bzw. der im Saarland lebenden Migrantengruppen eine Stimme geben.
Eine andere Arbeitsgruppe sah die Zukunft der Region vor allem in einer gezielten Förderung kinderfreundlicher Strukturen in Schule, Hort und Familie. Ein dritter Lösungsvorschlag entwickelte einen Fahrplan zur Gründung einer kooperativen Europa-Universität in Saarlouis. Demnach legt eine so genannte Impulskonferenz unter Beteiligung verschiedener regionaler Hochschulen und einschlägiger europäischer Institutionen zunächst fest, welche Studiengänge neu eingerichtet bzw. aus den Mutteruniversitäten nach Saarlouis überführt werden. Kennzeichnend für die Universität, so das Modell, seien ihre durchweg mehrsprachigen Studienangebote, die auch hochwertige Praktika im europäischen Ausland beinhalteten. Überdies müssten sämtliche akademischen Abschlüsse europaweit Geltung haben.
Die europäische Dimension beflügelte insbesondere den Vorschlag einer „Fahrt mit dem Euro-Kahn“. Das Schiff, von der betreffenden Arbeitsgruppe auch „péniche européenne“ genannt, soll mit ausgewählten Passagieren von Völklingen über Schengen nach Metz fahren und einen stimmungsvollen Einstieg in die Debatte über den Europa-Status des Saarlandes ermöglichen. Titel der Veranstaltung: „Das Saarland. Europa unmittelbar“. Den Saarländern würde ein solcher Ausnahmestatus gut stehen – sie haben Erfahrungen mit historischen Sonderrollen. Doch bisher war die Region dabei nur ein Spielball der Geschichte. Heute würde sie, auch ohne eigene Nationalmannschaft, auf ganzer Linie gewinnen – als Avantgarde Europas.
Die Zukunftswerkstatt mit Teilnehmern aus Forschung und Innovation war die letzte in einer Reihe von sieben Veranstaltungen dieser Art. Dabei wurden alle maßgeblichen gesellschaftlichen Gruppen einbezogen, darunter Wirtschaftsentscheider, Jugendliche, Wissenschaftler und Vertreter der Kunst- und Kulturszene. Die Dokumentation aller Ideenlaboratorien ist ein Baustein der Ausstellung „Genius I. Die Mission: entdecken erforschen erfinden“, die das Weltkulturerbe Völklinger Hütte derzeit zeigt. Zudem sollen die Ergebnisse der Zukunftswerkstätten dem Ministerpräsidenten des Saarlandes, Peter Müller, und Bundespräsident Horst Köhler überreicht werden.