Ideenlaboratorium des Weltkulturerbe Völklinger Hütte mit Schülern zwischen elf und achtzehn Jahren bringt verblüffende Erkenntnisse.
Mit dem Vorurteil der „Null-Bock-Generation“ räumten 40 „Erwachsene von Morgen“ beim jüngsten Ideenlaboratiorium des Weltkulturerbe Völklinger Hütte als Vorstufe zum Erlebnisprojekt „Genius I. Die Mission: entdecken erforschen erfinden“ gründlich auf. Quer durch alle Schularten und Altersstufen finden sich nur hoch motivierte Jugendliche, die „Full Bock“ auf mehr Niveau, mehr Bildung und mehr Leistungsanreize haben.
Meinrad Maria Grewenig, Generaldirektor des Weltkulturerbe Völklinger Hütte freute sich über die Bereitschaft der Jugendlichen, sich einen Tag lang kreative und konstruktive Gedanken darüber zu machen, was in 15 bis 20 Jahren „in eurer Zukunft und mit eurer Zukunft passiert!“ (Ideen für die Zukunft des Saarlandes) Dies geschehe in der Erzhalle, einem der ältesten Orte der Völklinger Hütte, der zugleich (früher) die wertvollen Erze für die Eisenverhüttung gelagert habe: im Schatzhaus der Völklinger Hütte könnten nun neue, andere Schätze (nämlich Ideen, der neue Rohstoff der Zukunft) gehoben werden!
Schon im Eingangsbereich der Erzhalle brachten es die rund 40 Jugendlichen zwischen elf und achtzehn Jahren aus unterschiedlichen Schultypen des Saarlandes und dem benachbarten Rheinland-Pfalz schriftlich auf den Punkt, welches Potential in ihnen schlummert: „Wir sind schlauer als Mann denkt“ formulierten sie selbst bewußt über sich. Und widersprachen falschen Eindrücken der Erwachsenen über die heutige Jugend. Plakativ brachten sie es mit dem bewusst falsch geschriebenen Satz an die Plakatwand: „Das wir lehrnen solen“.
Die beiden Diplompädagogen Evelyn Knecht (München) und Gerhard Knecht (Remscheid), der Saarbrücker Soziologe Stefan Sandmayer sowie Martin Tertelmann (Stuttgart) mussten im Laufe des neunstündigen Ideenlaboratoriums nur wenige Impulse geben, um die Zukunftsvisionen der „Erwachsenen von morgen“ sprudeln zu lassen.
In einer ersten Kritikphase wurde Standortbestimmung im eigenen Lebensumfeld betrieben. Die Kritikpunkte speisten sich aus der Lebenswirklichkeit der Schüler. Schlechter Öffentlicher Personennahverkehr (z.B. überfüllte Regionalbahnen), unmotivierte Lehrer und ein ungenügendes Bildungssystem, die Einführung von Studiengebühren und zu viele Hausaufgaben gehörten ebenso zu den Sorgenthemen wie eine intolerante Gesellschaft, verschlossene Mitmenschen, verfehlte Umweltpolitik, Arbeitslosigkeit durch fehlende Stellen und drohende Komplettschließung der saarländischen Bergwerke mit den damit verbundenen Folgen für Eltern oder die Folgen der Umweltverschmutzung.
Angesichts solcher Probleme wurde bei der Gruppenarbeit wiederholt die Frage gestellt, ob im Gegenzug üppiger Blumenschmuck zum Beispiel in Völklingen nicht nur Kosmetik sei statt das Grundübel wie Arbeitslosigkeit anzupacken, das Abgleiten in Arbeitslosigkeit und Hartz IV durch Erhalt der saarländischen Bergwerke zu vermeiden, oder Firmen aufzufordern, einen Teil ihrer Milliardengewinne an die Gesellschaft und ihre Beschäftigten weiterzureichen. Phantasie in punkto Vollbeschäftigung sei gefragt und könnte auch zu neuen Berufen führen wie dem eines Vorlesers, eines Geschichtenerzählers oder einem professionellen Einkäufer für Kranke und Ältere in der Gesellschaft.
„Ziellos-planlos-meinungslos“ unter dieser Überschrift formulierte eine weitere Schülergruppe konstruktive Kritik an Teilen der Medien. Statt das Niveau abzusenken, sollten sie ihrem verfassungsrechtlichen Privileg gerecht werden und der Volksverdummung entgegen wirken. Nur informierte Bürger seien für eine Gestaltung von Gesellschaft, Umwelt und Politik zu begeistern. Das wirke auch der Isolation einzelner entgegen, die sich mangels Erfolgserlebnissen lieber stundenlang hinter TV und PC verkriechen.
„I have a dream“ fasst die Forderung einer weiteren Gruppe des Ideenlaboratoriums nach einem Jugendparlament auf Bundessebene zusammen. Eine frühzeitige Beteiligung an Entscheidungsprozessen für sich und die eigene Zukunft sei wichtig an, um zu mehr Identifikation und Partizipation mit dem Land und dem eigenen Lebensumfeld zu kommen.
„Entdämonisierung von Computerspielen und Computer-Welten“ hieß ein weiterer Gruppenentwurf auf dem Weg von der Kritik- zur Phantasie- und Umsetzungsphase: statt Computer und deren künstliche Scheinwelten zu verteufeln, sollte die Gesellschaft jedem seine persönliche Schein- und Parallelwelt ermöglichen. Glückliche Menschen seien für die Allgemeinheit im realen Leben motivierter und hilfreicher. Eine heile sog. „Matrix-Welt“ als virtuelle Parallelwelt könne Blutvergießen und Kriege im realen Umfeld vermeiden helfen.
Großen Raum nahm das aus Sicht der Schüler in Teilen unqualifizierte Schulsystem ein. Die vorschnell als „Null-Bock-Generation“ Geschmähten überraschten die Moderatoren und Gasthörer mit der Forderung nach „Full Bock“ auf Bildung und mehr Input. Eine Schwerpunktverschiebung auf Projektarbeit müsse spätestens in der Oberstufe einsetzen. Überflüssige Fächer könnten dagegen reduziert oder gar abgeschafft werden. Die Schüler waren alters- und schultypen-übergreifend für mehr Leistung bereit, wenn sich umgekehrt das Engagement und die Qualität der Lehrer erhöht. „Big brother is watching you“- diese Orwell´sche Utopie fanden Schüler im Arbeitskreis Bildung durchaus legitim, um Schüler und Lehrer in punkto Motivation zu überwachen, wenn daraus Leistung auf beiden Seiten entstehe und verbindlich eingefordert werden könne. Daraus resultierte die Forderung nach einem bundesweit einheitlichen Abitur, um mehr Chancengleichheit für die Saarländer im Bundesvergleich herzustellen.
Wenig Verständnis hatten die Teilnehmer des Ideenlaboratoriums allerdings für die Einführung von Studiengebühren. Keiner war bereit, nach der Uni mit einem Berg von Schulden in die berufliche Karriere starten zu müssen. Studienkredite seien kein Ausweg. In der Phantasiephase mündete dies konsequenterweise in die Forderung nach einem Studiengehalt und mehr Stipendien. Ein Studentengehalt von monatlich 150 Euro sollte Studierwillige in die Lage versetzen, jeden Bildungstraum auch realisieren zu können. Bei der Studienzulassung müsse es auch um Begabung, Motivation und Leistungswillen gehen, und nicht nur allein nach Notendurchschnitt, Intelligenz und Geldbeutel.
„Weltland“ unter dieser Überschrift kann sich eine weitere Jugendgruppe ein zukünftig ideales Leben auf unserem blauen Planeten vorstellen. Ein Ziel von Weltland: der Ausgleich regionaler Disparitäten“. Solarenergie sollte zum Beispiel in sonnenreichen Wüstenregionen von Afrika und an den Küsten erzeugt werden. Die Idealform würde dann aber auch voraussetzen, dass reiche Staaten wie die USA zugunsten ärmerer Länder und Kontinente auf den Bau von Solarzellen und die Erzeugung von Solarstrom verzichten und diesen dann in Afrika einkaufen, um dort für mehr Wohlstand zu sorgen.
Voll des Lobes über die „Erleuchteten“ war Meinrad Maria Grewenig am Ende dieses neunstündigen Ideenlaboratoriums. Er zitierte aus dem Film „Matrix“ den Protagonisten Morpheus: Wir stehen hier und haben keine Angst“. Dieser Mut und diese Zuversicht sei heute spürbar und deutlich geworden: „Nur so können wir jede Zukunft bewältigen!“
Erik Bertram aus Kirn und Sulin Sardoschau vom Albert-Einstein-Gymnasium Völklingen werden als Delegierte die Interessen des Schüler- Ideenlaboratoriums bei dem abschließenden Zukunftskongress vertreten, der die Reihe des Ideenlaboratorien des Weltkulturerbe Völklinger Hütte im Juli abschließen wird.
Die Zukunftswerkstatt des Weltkulturerbe Völklinger Hütte ist Bestandteil der Innovationsstrategie des Saarlandes. Die Dokumentation aller Ideenlaboratorien als Vorstufe zum Erlebnisprojekt „Genius I. Die Mission: entdecken erforschen erfinden“ des Weltkulturerbe Völklinger Hütte wird dem Ministerpräsidenten des Saarlandes Peter Müller, und dem Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland, Horst Köhler, überreicht.