Nach vorne schauen ohne abzuheben

29.05.07 |

Heute waren die Stadt Völklingen und das Weltkulturerbe-Team selbst am Zug: Die 5. Zukunftswerkstatt hilft dem Saarland mit sprühenden Ideen auf die Sprünge.



Groningen ist so etwas wie die europäische Bike-Metropole. 300.000 Fahrräder zählt die Stadt im Nordosten der Niederlande, und das bei nur 180.000 Einwohnern. Will ein Groninger mal eben von A nach B, steigt er in zwei von drei Fällen in den Sattel seines Drahtesels. Kein Wunder, dass in den städtischen Bussen gähnende Leere herrscht.

Auch im Großraum Saarbrücken sind in den Bussen oft viele Plätze frei. Daran ist aber nicht die Konkurrenz durch das Fahrrad schuld, sondern die notorische Unzuverlässigkeit des öffentlichen Nahverkehrs. Wer kann, greift auf das eigene Auto zurück und steht damit oft genug im Stau. Der Rest ärgert sich an Bushaltestellen und Bahnhöfen über verpasste Anschlüsse und nutzerunfreundliche Fahrpläne.

Kreativer Think Tank

Zum Glück gibt es die Zukunftswerkstätten im Weltkulturerbe Völklinger Hütte. Die gehen solche Probleme mit erfrischender Unvoreingenommenheit an. Denkanstöße für die Zukunft des Saarlands wollen sie liefern und dabei zugleich Antworten auf die drängendsten Fragen der (saarländischen) Gegenwart finden. Erste Eindrücke davon finden ihren Niederschlag in der jüngst eröffneten Ausstellung „Genius I. Die Mission: entdecken erforschen erfinden“.

Schon mehrfach in den letzten Monaten hat sich die ehemalige Erzhalle des Industriedenkmals Völklinger Hütte in ein regelrechtes Ideenlaboratorium verwandelt. Wirtschaftsentscheider, Ministerialbeamte, Exponenten aus Kunst und Kultur und eine Gruppe von Jugendlichen konnten hier ihrer Kreativität freien Lauf lassen und spannende Szenarien für das Saarland von morgen entwerfen. Die fünfte Zukunftswerkstatt bestritt das Team des Weltkulturerbes selbst. Verstärkung erhielt es von einigen Wissenschaftlern und dem Oberbürgermeister der Stadt Völklingen.

„Love Boat“ auf der Saar

„Ich mal hier noch einen Bus mit Gepäckanhänger, WC und Getränkeautomat hin“, sagt eine Teilnehmerin und beugt sich tief über eine tischgroße Zeichnung. Darauf ist ein komplett durch Straßen und Schienen vernetztes Saarland zu sehen. Die Auswahl an öffentlichen Verkehrsmitteln reicht von konventionellen Bussen und Bahnen über Minibusse, Schwebebahnen und Mieträder bis zu einem „Love Boat“, das sich auf Nachfrage als eine Art „Feierabend-Partyschiff“ herausstellt – für alle, die ihren Heimweg von der Arbeit auf der Saar antreten und unterwegs das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden wollen.

Kein Zweifel, hier geht es um Utopien. Das erklärt auch den Bus mit Gepäckanhänger, WC und Getränkeautomat. Wer hätte dergleichen im so genannten Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) schon erlebt? Und wer wünschte sich nicht den Ein-Minuten-Takt, die freie Wahl von Ein- und Ausstieg und den handlichen Chip als allgemeingültige Fahrkarte, und das alles zu günstigen Tarifen?

 

Utopien als Mittel zum Zweck

Das Ideenlaboratorium im Weltkulturerbe Völklinger Hütte macht’s möglich. Dabei sind die hier entwickelten Utopien natürlich nur Mittel zum Zweck. Der Mechanismus folgt stets den gleichen Regeln: Nimm den Ist-Zustand, sei unbestechlich in der Benennung der Schwachstellen und forme deine Kritik in das genaue Gegenteil um.

In der Praxis klingt das etwa so: „Zu viele Anbieter und mangelnde Koordination sind für die geringe Attraktivität des ÖPNV im Saarland verantwortlich“. Durch die Umkehrung ins Positive wird daraus der Kernsatz: „Aufgrund hoher Überschüsse und hervorragender Koordination ist der ÖPNV im Saarland ausgesprochen attraktiv“.

Nichts anderes zeigt das große Zeichenblatt mit Love Boat, Schwebebahn und Co. Mit der Realität hat das nichts zu tun. Darum geht es auch gar nicht. Ziel ist es vielmehr, mit dieser Vision vor Augen den ersten Schritt zu tun. Welche Initiativen sind zu ergreifen, um der Utopie ein Stück näher zu kommen?

 

Ein ÖPNV-System, das Gewinne abwirft

Die Antwort heißt öBay – die Transportbörse. Deren Konzept stellt den öffentlichen Nahverkehr auf ganz neue Füße und bringt sogar noch Geld ein. Das Geheimnis: öBay nutzt die vorhandenen Transportmöglichkeiten optimal aus, indem es neben Bussen und Bahnen auch Privatautos mit einbezieht. Eine spezialisierte Software lokalisiert alle im System registrierten Verkehrsteilnehmer per GPS und stellt die Daten auf Anfrage zur Verfügung. Als individuelles Informations- und Buchungstool dient das Mobiltelefon, gezahlt wird über virtuelle Konten. Um Missbrauch vorzubeugen, gibt es strenge Bewertungskriterien, nach denen Fahrer und Mitfahrer sich gegenseitig beurteilen und diese Einschätzung direkt ins System einspeisen. Eine zentrale Instanz öffentlicher oder privater Natur koordiniert sämtliche Transaktionen. Die Liberalisierung nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage übt auf den herkömmlichen ÖPNV gehörigen Druck aus und zwingt ihn zu mehr Flexibilität.

Das klingt bestechend, auch wenn die Umsetzung sicherlich einige Anstrengungen erfordern würde. Entscheidend ist jedoch, was öBay als Denkanstoß leisten kann. Fest steht: Von allein käme niemand auf innovative Lösungen wie diese. Dazu braucht es viele kreative Köpfe und eine Atmosphäre, die die Phantasie anregt und unkonventionelles Denken fördert. Die Zukunftswerkstatt im Weltkulturerbe Völklinger Hütte bot dafür genau den richtigen Rahmen. Das zeigte sich auch an den anderen hochkomplexen Lösungsansätzen dieses Tages.

Ein Ministerium für Weltkultur im Saarland

Bestes Beispiel: die Bildung eines „Ministeriums für Kultur und Tourismus“ (MKT). Dessen wichtigste Aufgabe wäre es, zusätzlich zum bereits vorhandenen kulturellen Angebot im Saarland große Kulturereignisse auf Weltniveau zu ermöglichen. Die Zielvorstellung lautet: Pro Jahr kommen eine Million Besucher mehr in die Region und bleiben durchschnittlich zwei bis drei Tage.



Wie das gehen soll? Durch eine landesweite Koordination aller Kulturprojekte unter aktiver Beteiligung der einschlägigen kommunalen Vertreter. Durch Ideenentwicklung, Feldbeobachtung und Kultur-Consulting. Durch verstärkte Zielgruppenorientierung in Marketing und Kommunikation und eine Verbesserung der touristischen Infrastruktur. Kostenpunkt? Die notwendige Umstrukturierung der Ministerien – so das Modell – fällt nicht ins Gewicht, der laufende Betrieb finanziert sich aus 15 Prozent der Tourismuseinnahmen. Zusätzlich sollen pro Jahr 30 bis 50 Millionen Euro an Drittmitteln aus EU, Bund und Land eingeworben werden. Fazit von Meinrad Maria Grewenig, Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte und prominentes Mitglied der für den Vorschlag verantwortlichen Arbeitsgruppe: „Das MKT kostet fast nichts und ist hochgradig effektiv“.

Leben am Fluss

Eine Idee, die speziell den Völklinger Oberbürgermeister aufhorchen ließ, war das Projekt „Leben am Fluss“. Dessen Ausgangspunkt bildet ein ungenutzter Uferstreifen im Besitz der Saarstahl AG. Freizeiteinrichtungen und gastronomische Angebote sollen die Saar aus der Einzwängung durch Industrie und Autobahnen befreien und sie als öffentlichen Erlebnisraum zugänglich machen. Ein aufgegebener Gasometer und die markanten Schlackekegel der Halden Hermann und Dorothea könnten als begehbare Industriedenkmäler und Aussichtspunkte mit einbezogen werden. Der Oberbürgermeister steuerte dazu bei, es sei bereits im Gespräch, die beiden Schlackehalden künstlerisch aufzuwerten. Insgesamt fand er den Vorschlag „sehr spannend“, was seine rege Beteiligung an der anschließenden Diskussion unterstrich.

Überhaupt war das Engagement der Teilnehmer dieser 5. Zukunftswerkstatt trotz hoch konzentrierter Arbeit bis zuletzt ungebrochen. Das spiegelt sich gleich in einer ganzen Reihe von Denkanstößen, die es verdient haben, weiterverfolgt zu werden. Wer weiß: Vielleicht wird öBay nach Eisen und Stahl der nächste Exportschlager des Saarlands.

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