Startschuss zum Ideenlaboratorium

28.02.07 |

Denkanstöße für die Zukunft des Saarlands

Das „Ideenlaboratorium“ im Weltkulturerbe Völklinger Hütte hat erfolgreich seine Arbeit aufgenommen
Im Jahr 1761 lief ein französisches Schiff vor einer abgelegenen Insel im Indischen Ozean auf Grund. Das winzige Eiland bot den Gestrandeten weder Quellen noch nennenswerte Vegetation. Dennoch gelang es einer Handvoll Menschen, dort mehrere Jahre lang zu überleben. Eine Gruppe französischer Archäologen kam dem Rätsel jetzt auf die Spur: Die Wissenschaftler fanden Hinweise „auf eine gut organisierte Gesellschaft…, die sich nicht von den Schwierigkeiten überwältigen ließ“.
So ähnlich könnte man auch die 50 leitenden Beamtinnen und Beamten aus verschiedenen saarländischen Ministerien beschreiben, die am vergangenen Montag auf Einladung des Europäischen Zentrums für Kunst und Industriekultur im Weltkulturerbe Völklinger Hütte zusammentrafen. Gemessen an den Schiffbrüchigen hatten sie zwar eine nicht ganz so heikle, dafür aber kaum weniger anspruchsvolle Mission: Gemeinsam sollten sie Denkanstöße für die Zukunft des Saarlands entwickeln. Dass das Ergebnis am Ende die Erwartungen der Veranstalter übertraf, verdankt sich vor allem der engagierten Mitarbeit der Teilnehmer.

Deren Innovationsfreude konnte sich in der frisch hergerichteten Erzhalle des traditionsreichen Industriestandorts ungehemmt entfalten. Ursprünglich lagerte hier das Eisenerz, der wertvollste Besitz der einstigen Hütte. „Heute“, begrüßte der Direktor des Industriedenkmals Meinrad Grewenig seine Gäste, „wollen wir hier einen anderen kostbaren Rohstoff anzapfen: Ihre Kreativität“. Denn aus der Erzhalle ist ein Ideenlaboratorium geworden. Bis zum Sommer sollen dort insgesamt sechs so genannte Zukunftswerkstätten den Blick nach vorn wagen und Konzepte für das Saarland von morgen entwerfen.

Dabei werden alle maßgeblichen gesellschaftlichen Gruppen einbezogen, darunter Wirtschaftsentscheider, Jugendliche, Landtagsmitglieder, Wissenschaftler und Vertreter der Kunst- und Kulturszene. Der Dokumentation dieses Pionierprojekts widmet das Weltkulturerbe Völklinger Hütte vom 13. Mai 2007 bis zum 30. März 2008 eine eigene Ausstellung: „Genius I. Die Mission: entdecken erforschen erfinden“. Überdies sollen die Ergebnisse der verschiedenen Zukunftswerkstätten im Rahmen der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ Bundespräsident Horst Köhler vorgelegt werden.
So weit die Theorie. Ob sie der Praxis standhalten würde, wusste im Vorfeld niemand.
Der Montag brachte die ungeduldig erwartete Feuerprobe. Unter der versierten Leitung des Baseler Moderators Daniel Wiener geriet sie zu einem Lehrbeispiel dafür, welche schöpferischen Kräfte geballter Sachverstand freisetzen kann, wenn er nur richtig gefordert wird.
Der Weg dorthin war allerdings lang und zunächst wenig erfreulich. „Sagen Sie frei heraus, was Sie am Saarland stört“, forderte Daniel Wiener die Teilnehmer auf. Die nahmen kein Blatt vor den Mund und zeigten sich am Ende bestürzt über das Bild, das sie in intensiver Gruppenarbeit gezeichnet hatten. Perspektivlosigkeit, Abwanderung, extreme Verschuldung: So lauteten die Schlagwörter. Auch eine falsch verstandene „Montanromantik“ und das allzu bereitwillige Einnisten in der scheinbaren geografischen Randlage wurden selbstkritisch beklagt.

Im Nachhinein erwies sich gerade die Schonungslosigkeit der Diagnose als solide Grundlage für konstruktive Zukunftsvisionen. Der Trick: Man vertauscht einfach die Vorzeichen. So wird aus der Fixierung auf die Vergangenheit plötzlich eine zuversichtliche Offenheit für das Neue, und die gefühlte deutschlandpolitische Abseitsstellung verwandelt sich in das Bewusstsein, im Zentrum einer grenzüberschreitenden europäischen Metropolregion zu stehen. Das ähnelt der berühmten Frage nach dem halbvollen oder halbleeren Glas: Die Perspektive gibt die Richtung vor, und was heute undenkbar erscheint, kann morgen Gestalt annehmen.
Die Teilnehmer der ersten Zukunftswerkstatt im Weltkulturerbe Völklinger Hütte haben das lehrbuchhaft umgesetzt. In konzentrierter Gemeinschaftsarbeit formulierten sie Fernziele, denen sie reelle Chancen auf Verwirklichung einräumen. Zum Beispiel: Die Metropole Saarbrücken-Moselle Est hat eine eigenständige Verwaltung und ist die erste binationale Gebietskörperschaft Europas. Oder: Für unsere Kinder ist Englisch die erste Fremdsprache. Französisch können sie seit dem Kindergarten.

Matterhörner nennt der Schweizer Daniel Wiener solche ernst gemeinten Zukunftsentwürfe. Doch um einen Berg wie das Matterhorn zu besteigen, braucht es bestimmte Voraussetzungen. Training gehört dazu, eine gute Seilschaft und klug gesetzte Biwaks. „Wo wäre“, fragt der Moderator, „auf dem Weg zu Ihrem Gipfel das erste Basislager?

Wieder steckten die Teilnehmer in intensiver Gruppenarbeit ihre Köpfe zusammen und überlegten, diskutierten, verwarfen und entwarfen. Und wieder flossen die Ideen reichlich. So skizzierte eine der Gruppen das Modell einer Sonderwirtschaftszone Saarland, die in einem entsprechenden europarechtlichen Rahmen auch als grenzüberschreitendes Gebiet vorstellbar wäre. Dass das eine Verfassungsänderung erfordern würde, macht den Entwurf zwar kühn, aber nicht unmöglich. Eine andere Gruppe dachte in die gleiche Richtung: Im Rahmen ihrer Überlegungen zu einer deutsch-französischen Verwaltungseinheit Saarbrücken-Moselle Est kam sie zu dem Schluss, dass „unkritische Kompetenzen“ wie Feuerwehr oder Tourismus schon binnen Monatsfrist auf eine geeignete binationale Behörde übertragen werden könnten.

Noch optimistischer gab sich eine Arbeitsgruppe, der es um Konzepte einer mehrsprachigen Früherziehung und um schulische und universitäre Austauschprogramme im Saarland ging. Die Vorschläge reichten von einer verpflichtenden Vorschule mit einem Lehrplan nach französischem Vorbild bis zu einer Änderung der Ausbildungsordnung nach dem Vorbild der bereits existierenden deutsch-französischen Hochschule in Saarbrücken. Konkrete Unterstützung für dieses Projekt erwartete man sich sowohl vom deutsch-französischen Jugendwerk als auch von großen Firmen beziehungsweise Handels- und Handwerkskammern. „Wir könnten schon morgen anfangen“, hieß es, „und es kostet ganz, ganz wenig Geld“. Natürlich müssten die saarländischen Politiker mit gutem Beispiel vorangehen „und ab und zu auch mal Französisch sprechen“.

Der Appell kam nicht von ungefähr: Immer wieder war zu hören, dass sich nichts bewege, wenn der politische Wille fehle. Unter den Teilnehmern der Zukunftswerkstatt jedenfalls herrschte daran kein Mangel. Einen Tag lang haben sie das Weltkulturerbe Völklinger Hütte zu einer höchst produktiven Denkfabrik gemacht. Das lässt hoffen: für die Zukunft des Saarlands und ganz besonders für die noch geplanten Zukunftswerkstätten im Ideenlaboratorium der einstigen Erzhalle.

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