Dritte Runde des Ideenlaboratoriums am 22. Mai 2007 mit Kunst- und Kulturschaffenden liefert spannende Denkansätze für die Zukunft des Saarlandes.
Keiner weiß was kommt. Aber man weiß was war was ist.
Von dem dem, was Menschen gemacht und gedacht haben, handelt die aktuelle Ausstellung „Genius I. Die Mission: entdecken, erforschen, erfinden“ im Weltkulturerbe Völklinger Hütte.
Doch was für den Fußball gilt, kann auch für die Welt als solche nicht falsch sein: Nach der Erfindung ist vor der Erfindung. Demgemäss sucht man im eigens zur Ausstellung eröffneten „Ideenlaboratorium“ nach „Denkanstössen für die Zukunft des Saarlandes“, erklärt Generaldirektor Meinrad Maria Grewenig. Nach zwei Ideenlaboratorien waren nun Kunst- und Kulturschaffende aus dem Saarland gebeten, von der „vordersten Front der Kreativität“ etwas beizutragen. Dafür waren Mitarbeiter des Saarländischen Staatstheaters, der Hochschule der Bildenden Künste Saar und der Hochschule für Musik sowie Architekten, Künstler und Dienstleister zwischen Kommunikation und Genuss zur Stelle, um im Rahmen einer „Zukunftswerkstatt“ etwas in neun Stunden zu schaffen, wozu normalerweise drei Tage angesetzt sind.
Bleibt alles anders?
„Es wird sich nie etwas verändern, außer es kommt von außen“ oder „Das Saarland kann sich von ihnen heraus verändern“: Was gilt, wollte Moderator Daniel Wiener von der Gruppe wissen, die sich daraufhin zu einer Linie zwischen den Polen formierte und zeigte, dass es keine einzig gültige Lösung gibt.
Doch was läuft falsch? Was stört? Die Phase der Kritik war eingeläutet und wollte in Schlagworten auf Kärtchen festgehalten sein. Die Eitelkeit der Politik, wobei Geklüngel vor Kompetenz gehen, die fehlende Koordination und die „Hauptsach Gudd Gess“-Haltung und die damit verbundene Selbstzufriedenheit wurde vermerkt wie auch die mangelnde Neugier auf Fremdes. Städtebauliche Sünden, die Randlage des Saarlandes, die fehlende Metropole ließen in der Kritik der Teilnehmer das Saarland als kulturelles Entwicklungsland erscheinen. Vier Arbeitsgruppen nahmen sich den Themen an und suchten nach den Gründen und fanden sie in der gerade in einem kleinen Land umgehenden Angst vor Konflikten und Veränderungen, in einer „Wagenburg“-Mentalität, durch die Kultur wie Urbanität unterentwickelt sind. Ist Kultur nur noch ein Luxusgut?
„Und nun springen Sie in die entgegengesetzte Richtung“
Daniel Wiener verordnete den Teilnehmern die Salto vorwärts und rief den Idealzustand in der Zukunft Utopia aus, der mit einem Slogan und einer Spielszene zu bebildern war.
So hieß es „Wir Saarländer sind neugierig und offen und freuen uns am wirklich Guten und Schönen“ und eine Szene pries das Ideenlaboratorium als Heimstatt der Neugierigen.
„Das Saarland ist das erste Land mit kultureller Überhitzung“ fand sein Bild im Amt für Saarländer, das nur von kulturellen Ereignissen aller Orten zu berichten wusste. Hier wird alles zum Kulturort, ob das Stadtbad oder die Tiefgarage.
„Saarland – Hier lebt man Kultur!“, das verpflichtete zwei Politiker und Familienväter zur kulturellen Umtriebigkeit mit ihren Zöglingen, weswegen sich partout kein Termin für eine Ausschusssitzung finden ließ, wenn der Besuch von Konzerten und Bronzegießerei mit ihren Kindern die Väter davon abhält.
Denn „Dornröschen ist erwacht. Willkommen im Leben“ rief die vierte Arbeitsgruppe aus und schaute auf eine Zeit, in der die Selbstblockade aufgegeben und Innovationen aller Orten zu finden sind. Mit Erfolg, denn „der Standort Saarland ist ausverkauft, gegen Höchstgebot sind noch zwei Plätze frei“ endete ihr Zukunftsszenario.
Der Plan: Wie kommt man dorthin?
Und nun die Verbindung von Ist- und Soll-Zustand, lautete die nächste Aufgabe Daniel Wieners für die Teilnehmer was zu gesteigertem Gebrauch von Filzstiften führte und der Konzentration von vier auf drei Gruppen Vorschub leistete. Eine Mindmap war aufgrund einer der zuvor getroffenen Aussagen zu erstellen. Das hieß, viele Kringel, Linien und vielfachen Verästelungen, um den Dornröschenschlaf zu beenden.
Den Beamtenstatus abschaffen und Stadt und Land zu einem Wirtschaftsunternehmen den Bürgern als Aktionären zu vereinigen, galt einer Gruppe als Schritt zu mehr Selbstbewusstsein, Motivation, Eigenverantwortlichkeit und guter Laune.
Mehr anspruchsvolle und komplexe Bildung für alle - diesem Gedanken hing eine andere Gruppe an. Dazu gehört für sie eine „Hausarbeit über Dr. Faustus in der Hauptschule“. Denn „wenn wir das dort geschafft haben, ist alles geschafft“ heißt es im Hinblick auf eine umfassende Bildungsaufgabe.
Spontane Zusammenkünfte, gemeinsame Tafelfreuden, Nahrung für die Sinne, aber auch ein virtuelles Netz der Begegnung im „Saarlife“ waren für die dritte Gruppe ein Weg zum Ziel.
Drei Projekte, dreimal erste Schritte
„Was sind die ersten Schritte? In welche Richtung muss man arbeiten?“ Anhand diesen Fragen von Daniel Wiener war ein letztes Brainstorming zu den drei Begriffen „Saarlife“, „Dr. Faustus in der Hauptschule“ und der „Stadt und Land AG“ angesetzt. Das Ergebnis ließ nach kurzem und heftigem Hirngestöber nicht auf sich warten:
„Saarlife“ ist kein „Secondlife“, kein virtuelles Zweitleben, sondern eine Aktionsfläche, die sich über das Mobilfunknetz ausbreitet, so dass möglichst viele daran teilhaben können. Über dieses Netz verbreiten sich Informationen entlang einer „Route der Nachhaltigkeit“, die von der virtuellen stets in die reale Welt führen soll.
„Dr. Faustus in der Hauptschule“ ist ein umfassendes Bildungsprogramm für Schüler, Lehrer, Studierende, Abendunterricht für Eltern und Projektarbeit in Zusammenarbeit mit Kulturinstitutionen.
Die „Stadt und Land AG“ setzt auf das Selbstverständnis von Politik und Institutionen als Dienstleister, auf Austausch, übergreifende Zusammenarbeit, Zentralisierung und die Verschlankung von Verwaltungsstrukturen. Notwendige Voraussetzung sind dafür Reformen im Bildungssystem, des Beamtenstatus, der Serviceorientierung und der politischen Handlungsfähigkeit.
Wie beim Film: noch einmal auf Anfang
Am Ende des Workshops bat Daniel Wiener noch einmal zur Aufstellung der Teilnehmer zwischen den Polen „Veränderung nur von außen“ oder doch „Veränderung aus dem Saarland“ mit neuem Ergebnis: „Das Bild ist dem ersten recht ähnlich, aber es hat sich leicht nach rechts zum Saarland hin verschoben.“
Und dennoch Schluss
„Ich wusste nicht, was auch mich zukommt. Jetzt fühl mich bereichert“, lautete die Bilanz eines Teilnehmers. Doch das Lob war ganz auf der Seite der Veranstalter. Die Gruppe der Kunst- und Kulturschaffenden hat viel erreicht, bekannte Generaldirektor Meinrad Maria Grewenig: „Unsere Minimalvorstellung war, dass Sie hier Probleme benennen und einkreisen, aber Sie sind weit über die Zielsetzung hinausgegangen, indem sie deutlich operativ formulierte Ziele definiert haben. Es sollten Ideen gesammelt werden. Daraus sind Denkanstöße geworden.“ (Sabine Graf)